„Izanagi und Izanami“


Samstag, 16. Jänner 2016, 17 Uhr, Festsaal des Museums Mödling, Josef Deutsch Platz 2

Schauspiel
„Izanagi und Izanami“
von Erich Fried
Das neu entdeckte Hörspiel als Welturaufführung erstmals auf einer Bühne!

Erich Fried verknüpft den Mythos der beiden Halbgötter Izanagi und Izanami, durch deren liebende Vereinigung die japanischen Inseln und Japans gesamte Götterwelt entstehen, mit der wunderbaren Liebesgeschichte von Orpheus und Eurydike. Es entsteht eine Dichtung, deren Sog sich niemand entziehen kann, die berührt in der Tragik der durch den Tod getrennten Liebenden, die berückt durch den Reiz der japanischen Poesie.

(Urheberrechte bei Nachlass Erich Fried – Testamentsvollstrecker RA Kurt Groenewold)

mit ELSA SCHWAIGER, DAVID CZIFER und MAX MAYERHOFER REGIE: PETER PAUSZ

 

 

Erich Fried 1921-19881

Erich Fried wurde 1921 in Wien geboren, wo er bereits als Gymnasiast zu schreiben begann. 1938 von den Nationalsozialisten vertrieben, begab er sich ins Londoner Exil. Sein erster Gedichtband Deutschland erschien 1944.

Fried arbeitete sowohl für diverse Zeitschriften, als auch für die BBC. Dass der Entnazifizierungsprozess der 50er und 60er Jahre in Österreich eher schleichend vor sich ging, machte es Fried als politisch integer denkendem Menschen unmöglich, zurückzukehren.

Obwohl Erich Fried vor allem für seine Liebesgedichte ( „…es ist was es ist, sagt die Liebe…“2) bekannt ist, wird sein lyrisches Vermächtnis stark von seinem politischen Verständnis geprägt.

 

 

 

Izangi und Izanami erschaffen die Welt

Weltweit stellen Schöpfungsmythen Modelle dar , die die Entstehung der Welt nach ähnlichen Prinzipien erklären. Sowohl nach der abendländischen als auch der japanischen Vorstellung soll alles aus dem Urprinzip, dem Chaos entstanden sein. Nach Hesiod3 wurde die Welt von dem Ur- Geschwister-Götterpaar Uranos und Gaia erschaffen.

Im japanischen Shinto-Mythos heisst das göttliche Geschwisterpaar, das Japan und seine Götter hervorgebracht hat, Izanagi und Izanami.4 Izanagi ist die “männliche Hälfte, die einlädt” Izanami die “weibliche Hälfte, die einlädt.”

Von den himmlischen Kami5 erhalten sie den Auftrag, zu formen und zu befestigen. Sie sind über eine schwebende Brücke vom Himmel herabgestiegen und stoßen einen Juwelenspeer nach unten, wo sich eine salzige Flut befindet. Die wird so lange umgerührt, bis sie sich verdickt und aus ihr die Insel Onogoro (die “von selbst Geronnene”) ensteht. Erst danach entdecken Izanami und Izanagi , wie Kinder enstehen und schaffen in liebender Vereinigung nach und nach die Inseln Japas und die Götter, bis Izanami an der Geburt des Feuergottes stirbt. Um sie ins Leben zurückzuholen, begibt sich Izanagi in die Unterwelt. So, wie es auch schon Orpheus getan hatte, dessen geliebte Eurydike durch einen Schlangenbiss umgekommen war.

Erich Frieds Auseinandersetzung mit dem japanischen Mythos zeigt uns, dass das vermeintlich Fremde zugleich auch als verbindendes Element begriffen werden kann und offenbart dadurch den universellen Ursprung des Tragischen.

1 Zu Erich Fried siehe: www.erichfried.de
2 Erich Fried. Was es ist. Aus Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte“, Berlin 1996.
3 Hesiod: Theogonie, www.gottwein.de
4 Monika und Udo Tworuschka: Schöpfungsmythen Chinas uns Japans, in: Monika und Udo Tworuschka: Schöpfungsmythen, Darmstadt:primus, 2011, S.60-66
5 Kami sind japanischen „Götter“, die allerdings nicht mit den europäischen, personalen Göttern wesensgleich gleich sind. Sie sind vielmehr als göttliche Prinzipien zu verstehen

 

Ab in die Unterwelt oder: Kann Liebe über den Tod hinausgehen?

Zu Peter Pausz´ Inszenierung von Erich Frieds Hörspiel IZANAGI und IZANAMI

Am 16. Jänner 2016 in Mödling

Eine kurze Rückschau von Marina Gschmeidler

Der seit Mitte der 60er Jahre verschollen geglaubte Text Erich Frieds wurde von Christine Ivanovic im Nachlass Paul Celans (Literaturarchiv Marbach) 2011 wiederentdeckt.

Fried erzählt die Geschichte des Götterpaares Izanagi und Izanami und verknüpft das Orpheus-Thema mit dem japanischen Schöpfungsmythos: Izanagi verliert seine junge und wunderschöne Frau Izanami bei der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes, des Feuergottes. Verzweifelt und vom Schmerz zerrissen begibt sich Izanagi in die Welt der Toten, um Izanami zurückzuholen. Wie auch Orpheus, kann sich Izanagi nicht zurückhalten und will die geliebte Schwestergattin sehen, er entzündet eine Fackel, kommt aber nicht so „glimpflich“ davon wie Orpheus- dem entgleitet die geliebte Frau schliesslich nur und er kann immerhin weiterhin in süßer Erinnerung schwelgend auf eine künftige Wiedervereinigung im Hades hoffen. Orpheus kann weiterlieben. Stattdessen muss Izanagi erkennen, dass Liebe nicht über den Tod hinausgehen kann: „Liebe meint nur das Leben, nicht den Tod!“, stellt Izanagi fest, freilich erst nachdem er Izanami mit Hilfe des Feuer(gott)s ins Antlitz leuchten und sehen konnte, dass Izanami nicht mehr die schöne, junge Göttin ist, sondern ein wurmzerfressener, von Maden wimmelnder Kadaver… Orpheus´ Ungewissheit und seine wiedererwachende Begierde nach Eurydike war in der Unterwelt genauso fehl am Platz wie Izanagis Hybris, anzunehmen durch absolute Ignoranz den Tod besiegen zu können.

Erstmals wurde das Hörspiel in der Bearbeitung des Ensembles „ergo arte“ als Bühnenstück präsentiert: eine absolute Weltpremiere, und das im gut besuchten Thonet- Schlößl in Mödling!

Wer weiss geschminkte Gesichter oder Kimonos erwartet hatte, wird wohl enttäuscht gewesen sein, denn der Regisseur Peter Pausz verzichtet respektvoll auf eine rein visuelle Annäherung an das No-Theater und vermeidet Japan-Klischees. Stattdessen überzeugt er durch eine äußerst sensiblen Umgang mit dem Friedschen Text und setzt japanische Elemente der Mimik, Gestik und Musik wohldosiert und treffend ein. Das Götterpaar erschafft seine Welt als Origami- Figuren und die unglaublich poetische Sprache Frieds schafft es, lineare Erzählzeit und die Aufhebung des Linearen durch die mythische Zeit in Einklang zu bringen.

Doch was wäre ein Regisseur ohne seine Schauspieler? Elsa Schwaiger, David Czifer und Max Mayerhofer. Vielen Dank. Wir müssen uns keine Sorgen machen, um Österreichs Theater-Nachwuchs!